Der World Giving Report 2026 erlaubt einen detaillierten internationalen Vergleich der Finanzierungsstrukturen gemeinnütziger Organisationen. Deutsche NGOs fallen dabei durch einen breiten Finanzierungsmix auf. Doch die Zahlen zeigen auch Schwächen: Internationale Geldquellen spielen kaum eine Rolle, der finanzielle Spielraum ist begrenzt, und viele Organisationen empfinden die Anforderungen ihrer Förderer als Belastung.
Für die „Charity Insights“ des World Giving Report 2026 wurden gemeinnützige Organisationen in 33 Ländern zu ihrer Situation befragt. Partner für die deutsche Erhebung ist die Maecenata Stiftung.
Finanzierung bleibt größte Herausforderung
International ist die finanzielle und operative Stabilität die mit Abstand größte Herausforderung für gemeinnützige Organisationen. In Deutschland nennen 86 Prozent mindestens eines der damit verbundenen Probleme als eine ihrer zentralen Herausforderungen. International sind es sogar 92 Prozent.
Die konkreten Probleme unterscheiden sich allerdings. 45 Prozent der deutschen Organisationen nennen die finanzielle Nachhaltigkeit, 42 Prozent den zunehmenden Wettbewerb um Fördermittel und 40 Prozent steigende Kosten. Der richtige Mix aus zweckgebundenen und frei verfügbaren Mitteln wird dagegen nur von elf Prozent als eine der größten Herausforderungen angesehen.
Gerade für das Fundraising ist der zunehmende Wettbewerb um Finanzierung interessant. Denn die Studie zeigt gleichzeitig, dass deutsche Organisationen auf vergleichsweise viele unterschiedliche Geldquellen zurückgreifen.
Erbschaften spielen in Deutschland eine große Rolle
Im Durchschnitt nutzen die befragten deutschen Organisationen 4,5 unterschiedliche Finanzierungsquellen. International sind es 4,0. Insgesamt 74 Prozent erhalten Geld von der breiten Öffentlichkeit. Damit sind klassische Spenden die am weitesten verbreitete Finanzierungsquelle. 72 Prozent erhalten Mittel von Großspendern oder vermögenden Familien, 70 Prozent von Förderstiftungen oder anderen Fördermittelgebern im eigenen Land und 66 Prozent von Unternehmen. Staatliche Mittel erhalten 51 Prozent der Organisationen.
Besonders auffällig ist der Nachlassbereich. 64 Prozent der deutschen Organisationen geben an, Einnahmen aus Testamenten, Vermächtnissen oder Stiftungsvermögen zu erhalten. Im internationalen Durchschnitt sind es lediglich 29 Prozent.
Auch bei inländischen Fördermittelgebern liegt Deutschland mit 70 gegenüber 56 Prozent deutlich über dem internationalen Durchschnitt. Bei Großspendern ist der Unterschied kleiner: 72 Prozent der deutschen Organisationen erhalten Mittel von Großspendern oder vermögenden Familien, international sind es 64 Prozent. Unternehmensmittel spielen ebenfalls eine überdurchschnittliche Rolle: 66 gegenüber 57 Prozent.
Internationales Fundraising ist die Ausnahme
Ganz anders sieht es beim grenzüberschreitenden Fundraising aus. 94 Prozent der Finanzierung deutscher Organisationen stammen aus Deutschland und lediglich sechs Prozent aus anderen Ländern. Im internationalen Durchschnitt kommen dagegen 23 Prozent der Mittel aus dem Ausland.
Das zeigt sich auch bei einzelnen Finanzierungsquellen. Nur zehn Prozent der deutschen Organisationen erhalten Geld von internationalen Förderstiftungen. Weltweit sind es 24 Prozent. Mittel von ausländischen Regierungen erhalten acht Prozent der deutschen Organisationen gegenüber 15 Prozent im internationalen Durchschnitt. Bei supranationalen Organisationen wie EU oder UN liegt Deutschland mit 17 Prozent ebenfalls unter dem internationalen Durchschnitt von 23 Prozent. Deutschland ist da offenbar eher Geber- als Empfängerland.
Ansgar Gessner, Geschäftsführer der Maecenata Stiftung, sieht darin eine Bestätigung der Erfahrungen aus dem Transnational Giving Programm der Stiftung. Dessen Daten zeigten ebenfalls, dass deutsche gemeinnützige Organisationen weniger im internationalen Fundraising aktiv sind.
Hälfte wäre nach drei Monaten pleite
Die Vielfalt der Finanzierungsquellen bedeutet allerdings nicht automatisch finanzielle Sicherheit. Die Organisationen wurden gefragt, wie lange sie ohne neue Spenden und Fördermittel allein mit Rücklagen, Kapitalerträgen und selbst erwirtschafteten Einnahmen weiterarbeiten könnten. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Acht Prozent müssten ihre Arbeit sofort einstellen. Weitere 19 Prozent könnten weniger als einen Monat durchhalten und 18 Prozent zwischen einem und drei Monaten. Damit hätte fast die Hälfte der befragten Organisationen spätestens nach drei Monaten erhebliche Probleme. Fundraising ist also essenziell!
Nur sieben Prozent könnten länger als ein Jahr weiterarbeiten. Im internationalen Durchschnitt sind es 22 Prozent. Die gesetzliche Verpflichtung zur zeitnahen Mittelverwendung von Spenden begrenzt den längerfristigen Aufbau frei verfügbarer Mittel hier sicher ebenfalls. Hinzu kommt, dass Fördermittel häufig innerhalb kurzer Zeiträume eingesetzt werden müssen.
Förderer werden als fordernd erlebt
Interessant ist auch, wie deutsche Organisationen ihre Förderer wahrnehmen. 38 Prozent empfinden deren Berichtspflichten als zu große Belastung. 37 Prozent kritisieren, dass Förderer eine Quantifizierung von Wirkung verlangen, obwohl diese nicht immer möglich sei.
Positive Effekte der Förderbeziehungen werden deutlich seltener genannt. Nur 18 Prozent sagen beispielsweise, dass Anforderungen an die Wirkungsberichterstattung ihren Projekten mehr Struktur gegeben hätten. Lediglich neun Prozent berichten von hilfreicher Unterstützung der Förderer bei der Wirkungsmessung.
Bei der Frage, was Förderer jenseits von mehr Geld tun könnten, wünschen sich deutsche Organisationen vor allem Vernetzung und Lernmöglichkeiten sowie weniger aufwendige Anforderungen. Für Ansgar Gessner ist dies ein auffälliger Unterschied zum internationalen Vergleich. Deutsche Organisationen nähmen Förderer weniger als unterstützend und stärker über Berichtspflichten und Auflagen wahr.
Mehr Fundraising erwünscht
Dass die Suche nach Geldgebern keineswegs abgeschlossen ist, zeigt eine weitere Frage. 45 Prozent der deutschen Organisationen würden Förderstiftungen und andere Fördermittelgeber gern besser erreichen. 39 Prozent wollen ihre Kontakte zu Unternehmen verbessern und 36 Prozent die allgemeine Öffentlichkeit stärker ansprechen. Immerhin 24 Prozent sehen Verbesserungsbedarf bei der Ansprache individueller Spender. An diesen Zahlen wir der Wunsch nach neuen und potenten Förderern deutlich.
Der World Giving Report zeichnet damit ein ambivalentes Bild: Deutsche Organisationen verfügen über einen vergleichsweise breiten Finanzierungsmix Gleichzeitig bleibt ihre finanzielle Nachhaltigkeit eine zentrale Herausforderung. Die Reserven sind häufig gering und der zunehmende Wettbewerb um Geld wird deutlich wahrgenommen.
Bildquellen
- World Giving Report 2026: PR