Seit Jahren erfasst das Edelmann Trust Barometer das Vertrauen gegenüber NGO in Deutschland. Die Ergebnisse der letzten Jahre zeigen einen deutlichen Abwärtstrend. Nun aber ermittelt Forsa ganz andere Vertrauenswerte für Stiftungen und Vereine. Ist doch alles nicht so schlimm?
Eine bundesweite Befragung des Sozialforschungsinstituts forsa im Auftrag der ChildInvest Foundation zum Thema Stiftungen und gesellschaftliches Engagement zeigen hohes Vertrauen in Stiftungen. Die Befragung wurde im April 2026 im Rahmen eines repräsentativen Panels mit insgesamt 1.524 zufällig ausgewählten deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren durchgeführt.
Die Ergebnisse: 77 Prozent der Befragten vertrauen Stiftungen beim verantwortungsvollen Mitteleinsatz für gesellschaftliche Aufgaben, dem Staat dagegen bei diesem Thema nur 38 Prozent. Stiftungen, Vereine und Verbände zählen für 89 Prozent zu den wichtigsten Säulen der Gesellschaft. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 95 Prozent. Und 65 Prozent der jungen Befragten können sich vorstellen, im Laufe ihres Lebens selbst zu stiften.
Nur Reputation abgefragt
Nur, ist die Frage „Welche der Akteure leisten aus Ihrer Sicht einen besonderen Beitrag für die Gesellschaft“ tatsächlich eine Frage nach dem Vertrauen oder nur nach der Reputation? Nach Professor Rodolfo Ciucci, früher Studienleiter an der Hochschule für Wirtschaft der FHNW in Olten in der Schweiz und heute Berater für Reputationsmanagement, ist Reputation nur eine Ausprägung von Vertrauen. Sie liefert Argumente, die Erwartungen der Menschen prägen, je nachdem, was sie schon über die Organisation wissen oder über sie erfahren habe. Vertrauen bildet sich aber erst als Folge von Lerneffekten, wenn also die Organisation dieses Vertrauen in seine Reputation wirklich rechtfertigt und so handelt.
Darauf verweist auch Claudia Straßer, Vorständin der ChildInvest Foundation. „Die Ergebnisse zeigen, dass Stiftungen für viele Menschen ein glaubwürdiger und relevanter Partner sind, wenn es um die Zukunft unserer Gesellschaft geht“, betont aber auch: „Das ist eine starke Basis – aber sie ist an eine klare Erwartung geknüpft: Wer Vertrauen will, muss Wirkung nachvollziehbar machen.“ Genau hier ist der Edelmann Trust mit seiner internationalen Befragung klarer. Er stellt nicht nur die Frage nach Reputation, sondern auch nach der Wahrnehmung, wie das Vertrauen gerechtfertigt wird.
Historischer Vertrauensverlust
Noch Anfang der 2000er Jahre waren NGOs allen anderen Institutionen weit voraus. In Deutschland vertrauten 69 Prozent der Menschen Non-Profit-Organisationen. Der Vorsprung zu Wirtschaft, Regierung und Medien war so groß wie nie zuvor. Mittlerweile ist er auf 41 Prozent in den aktuellen Ergebnissen der Befragung von 2026 abgesunken, und international liegt man damit auf dem vorletzten Platz. Haben die NGOs ihre Versprechen, den Hunger zu besiegen, Fluchtgründe zu beseitigen oder die Gesellschaft gerechter zu machen, nicht eingehalten? Offenbar ist das so, denn gerade in der Flüchtlingskrise von 2015/16 sanken die Werte Deutschland um zehn Prozentpunkte.
In der aktuellen Studie 2026 vertrauen nur 41 Prozent der Befragten in Deutschland NGOs, dass sie „das Richtige tun“. Damit gelten NGOs in Deutschland als misstraute Institution (unterhalb der 50 %-Schwelle). Gegenüber dem Vorjahr stieg der Wert lediglich um einen Prozentpunkt. Besonders eklatant ist das fehlende Vertrauen in unteren Einkommensgruppen. Die Studie zeigt, dass diese Menschen keine einzige Institution – einschließlich NGOs – als kompetent und ethisch wahrnehmen. Zwischen hohen und niedrigen Einkommensgruppen bestehen geradezu „gegengesetzte institutionelle Realitäten“.
„Insularity“ verstärkt den Trend
Aufzuhalten ist dieser Trend nicht so ohne Weiteres, denn es gibt einen gesellschaftlichen Trend der das erschwert: Insularity. Deutschland gehört zu den Ländern mit besonders ausgeprägter sozialer Abschottung: Viele Menschen sind zurückhaltend oder nicht bereit, Personen mit anderen Werten, Informationsquellen oder Problemlösungsansätzen zu vertrauen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass man immer mehr Menschen sich mit Themen umgeben, die der eigenen Realität nicht widersprechen. Nur 30 Prozent der befragten Deutschen gaben in der Edelmann-Trust-Studie an, mindestens einmal pro Woche Informationen von Medien zu beziehen, die andere politische Standpunkte vertreten als sie selbst. Im Vorjahr waren es noch 37 Prozent.
Dieses allgemeine Misstrauensklima erschwert auch das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen wie NGOs. Der Anspruch der Menschen an NGOs ist eigentlich, mehr Gemeinschaft herzustellen. Aber die Wahrheit ist, dass viele Menschen laut eines älteren Edelmann-Trust-Berichts dies bei den NGOs nicht gut genug umgesetzt sehen. NGOs werden wohl eher als polarisierend wahrgenommen und nicht als gemeinschaftsbildend.
Der Edelman-Trust-Bericht beschreibt für Deutschland einen Trend zu „Trust goes local“: Vertrauen konzentriert sich stärker auf unmittelbare Beziehungen und den eigenen sozialen Kreis. Entsprechend genießen lokale Bezugspunkte wie Nachbarn, Lehrkräfte oder der eigene Arbeitgeber deutlich mehr Vertrauen als Institutionen wie NGOs.
Eingeschränktes Wissen über Stiftungen
Die Studie von Forsa und der Childinvest Foundation macht auch deutlich, dass die Basis der dort gemessenen Vertrauenswerte eben kein Wissen, sondern eher Gefühle sind. Zwar können sich mehr als die Hälfte aller Befragten (53 %) grundsätzlich vorstellen, im Laufe ihres Lebens zu stiften. Allerdings wissen nur 13 Prozent, dass dafür nicht zwingend eine eigene Stiftung gegründet werden muss, sondern auch in bestehende Strukturen gestiftet werden kann. Zugleich geht ein erheblicher Teil der Befragten davon aus, dass Stiftungen vor allem zum Steuersparen genutzt würden: 67 Prozent vertreten diese Ansicht. Bei Männern liegt der Wert bei 75 Prozent, bei den über 60-Jährigen bei 74 Prozent.
Das ist ein klares Indiz dafür, dass Vorurteile hier stärker ausgeprägt sind als echtes Wissen. „Diese Wahrnehmung nehmen wir ernst“, sagt Straßer. „Gemeinnützige Stiftungen unterliegen strengen Regeln und sind klar dem Gemeinwohl verpflichtet. Umso wichtiger ist es, noch transparenter zu erklären, wie Stiftungsgelder wirken und wofür sie eingesetzt werden.“ Zusammenfassend wird klar: Ein gutes Image reicht nicht aus, um wirklich Vertrauen zu bilden. Dafür sind Taten deutlich wichtiger. Und Vertrauen ist nun mal auch die Basis für Spenden.
Bildquellen
- Hände halten Poster mit Aufschrift „Trust me“: Gustavo Frazao/AdobeStock