Mit Strategie zu (noch) mehr Wirkung

Sandra Güntner

Sandra Güntner ist geschäftsführende Vorständin der Umweltstiftung Greenpeace. Nach 24 Jahren hat sie 2023 Melanie Stöhr, Fundraiserin und Referentin der Fundraising-Akademie, an der Spitze der Stiftung abgelöst. Im Interview erläutert sie, wie sie den Übergang mit ihrem Stiftungsteam gemeistert hat und vor welchen Herausforderungen die Stiftung steht.

Auf der Alumnitagung der Fundraising-Akademie sprachen Sie über Herausforderungen, auch neue Wege zu beschreiten. Welche waren das bei der Umweltstiftung Greenpeace?

Als ich vor zwei Jahren die Leitung übernommen habe, standen wir vor einem doppelten Wendepunkt: Zum einen war dies der erste Führungswechsel nach 24 Jahren und zum anderen die strategische Neuausrichtung. Die Stiftung wurde 1999 als auf Zustiftungen ausgerichtetes Fundraising-Instrument gegründet. Heute verfügen wir über rund 40 Millionen Euro Stiftungskapital und 20 Millionen Euro Stifterdarlehen – eine solide Basis, die uns ermöglicht, uns aktiv in aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen einzubringen. Wir finanzieren nicht nur, sondern entwickeln eigene Projekte, die als Proof of Concept zeigen, wie Transformation gelingen kann. Ziel ist es darüber hinaus, Wirkung mit allen verfügbaren Hebeln zu entfalten – neben nachhaltigem Vermögensmanagement und Projektförderung bringen wir deshalb auch unsere fachliche Expertise, unsere Netzwerke und unsere langjährige Erfahrung im wirkungsorientierten Projektmanagement ein.

Wie haben Sie Ihr Team auf diesen Weg mitgenommen?

Führung im Dialog ist für mich zentral. Wir haben den Übergang bewusst als gemeinsames Innehalten genutzt: Rückblick, Standortbestimmung und die Frage: Wo wollen wir hin? Dabei hat uns das Lebenszyklus-Modell geholfen, vom Wachstum in die Reifephase zu denken. Mein Ansatz war Klarheit im Kurs, aber Flexibilität im Handeln.

Wichtig war dabei, nicht nur das Team, sondern auch unsere Stakeholder aktiv einzubinden – insbesondere den Stiftungsrat. Ihre Perspektiven, Erfahrungen und strategischen Impulse waren entscheidend, um den Kurs abzustimmen, Prioritäten zu setzen und die Transformation der Stiftung gemeinsam zu tragen.

Wir haben unser Werteversprechen neu definiert und dafür Formate entwickelt, die Orientierung geben, zum Beispiel eine Strategielandkarte. Das Team ist in diese Prozesse aktiv eingebunden und wir legen Wert darauf, Erfolge gemeinsam zu feiern. Dieser Mix aus Dialog, Einbindung aller relevanten Akteure und klarer Richtung hat uns den Strategiewechsel ermöglicht und gleichzeitig Vertrauen und gemeinsame Verantwortung gestärkt.

Braucht es da auch neue Kompetenzen?

Unbedingt. Wir merken, dass Stiftungsarbeit heute strategisch und wirkungsorientiert gedacht werden muss. Neben den klassischen Fundraising- und Projektfähigkeiten brauchen wir Kompetenzen im Vermögensmanagement, systemischen Denken und im Umgang mit neuen Finanzierungsinstrumenten. Und in einer Welt, die sich so schnell verändert, sind Neugier und Freude am Lernen fast wichtiger als fest verankertes Fachwissen.

Kritik an Stiftungen macht sich oft daran fest, dass Sie auf viel Geld sitzen, das beispielsweise für die Klimawende gebraucht wird. Wie lösen Sie das?

Das ist eine berechtigte Kritik. Bei der Umweltstiftung Greenpeace setzen wir deshalb bewusst auf wirkungsvolles Stiftungskapital – Kapital, das nicht nur verwaltet, sondern aktiv im Einklang mit unserem Stiftungszweck investiert wird. Das nachhaltige Vermögensmanagement ist ein zentraler Baustein unserer Arbeit. Im Rahmen unserer Möglichkeiten gestalten wir unser Portfolio so, dass unsere Anlagen direkt oder indirekt zur Erfüllung unseres Stiftungszwecks beitragen und nicht nur monetäre Zuwächse erwirtschaften, sondern auch direkt Wirkung erzielen.

Ein Beispiel ist unser Zukunftswald in Thüringen: Hier haben wir 200 Hektar Fichtenmonokultur gekauft, um zu zeigen, dass eine naturnahe Waldbewirtschaftung machbar ist. Das ist eine Kapitalanlage – aber eben eine, die nicht auf klassische Rendite setzt, sondern auf ökologische Wirkung. Parallel dazu richten wir unsere Vermögensverwaltung auch in anderen Anlageklassen stärker auf Impact Investing aus. Wir wollen, dass unser Kapital nicht nur Erträge generiert, sondern aktiv Veränderung bewirkt – sei es durch Investments in erneuerbare Energien, nachhaltige Landwirtschaft oder bezahlbaren Wohnraum.

Wie reagieren Hochvermögende auf Themen wie Impact Investing – also Wirkung durch Geldanlage?

Wir erleben, dass gerade die Erbengeneration sehr offen dafür ist. Viele wollen nicht nur spenden, sondern ihr Vermögen gezielt einsetzen, um gesellschaftliche Transformation zu unterstützen. Impact Investing spricht dieses Bedürfnis direkt an. Wenn wir als Stiftung hier als Partnerin auftreten – mit Expertise und Projekten, die Wirkung sichtbar machen – entsteht eine ganz neue Form von Zusammenarbeit: auf Augenhöhe, mit Rendite, die nicht nur in Euro zählt, sondern in Zukunftsfähigkeit.

20 Millionen Euro Ihres Stiftungsvermögens sind sogenannte Stifterdarlehen, also nur geborgtes Geld. Was sind die Gründe?

Diese Darlehen sind Ausdruck von Vertrauen – und zugleich ein wichtiges Instrument für unser Wachstum. Menschen geben uns ein Darlehen, wenn sie noch nicht sicher wissen, ob sie das Geld im Alter benötigen, etwa für Pflegekosten oder die Instandhaltung einer Immobilie. So können sie Kapital für die Stiftung bereitstellen, ohne sich unwiderruflich zu binden. Für uns als Stiftung ist das ein großes Geschenk: Wir konnten damit unser Anlagevolumen rasch erweitern und neue Projekte realisieren. Zugleich entstehen durch diesen Weg enge Beziehungen – wir informieren über die Wirkung der Darlehen, schaffen Transparenz und bauen Vertrauen auf. Nicht selten führt das dazu, dass Darlehensgebende ihr Engagement später in eine endgültige Zustiftung umwandeln.

Das Klimathema scheint gerade nicht mehr wichtig. Die Zivilgesellschaft steht finanziell und durch politische Attacken unter Druck. Was können NGOs tun, um wieder handlungsfähiger zu werden – auch beim Klimaschutz?

Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen. Der Druck auf NGOs ist groß – finanziell und politisch. Dem können wir nur begegnen, wenn wir enger zusammenarbeiten. Kooperation ist entscheidend.

Zu lange haben wir in der Zivilgesellschaft nebeneinanderher gearbeitet. Klimaschutz ist jedoch kein Einzelthema: Er ist untrennbar verbunden mit sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und internationaler Solidarität. Wenn wir die Transformation erfolgreich gestalten wollen, müssen wir Allianzen bilden – über Themen, Generationen und Organisationsformen hinweg. Kooperation ist der Schlüssel, um externem Druck standzuhalten und zugleich wieder stärker sichtbar zu werden. Ökologischer Wandel gelingt nicht ohne sozialen Wandel – und das schaffen wir nur gemeinsam.

Bildquellen

  • Sandra Güntner: Christian Bartsch

Eine Antwort

  1. Die Entwicklung der Umweltstiftung Greenpeace von einer Kapitalsammel- und Projektfinanzierungsorganisation (ein Punkt, an dem jede Stiftung dieser Art starten muss) hin zu einer sehr anders denkenden und agierenden Stiftung ist in einem unglaublich kurzen Zeitraum vollzogen worden. Der erweiterte Blick und ganzheitliche Ansatz braucht visionäre Menschen und Pläne. Frau Güntner scheint diese Mitstreiter gefunden zu haben und ihre Visionen umzusetzen und selbst zu leben. Solche Entwicklungen und Vorbilder braucht es so dringend, angesichts kurzsichtiger Landes- und Weltpolitik.

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