Der Wunsch, etwas Bleibendes zu hinterlassen, lässt das Potenzial für Nachlass-Fundraising wachsen. Viele Organisationen haben das aber immer noch nicht in ihr Fundraising integriert. Dabei zeigen aktuelle Zahlen, wie enorm hoch dieses Potenzial ist.
Nach Aussage des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) werden in Deutschland jedes Jahr rund 400 Milliarden Euro vererbt. Zum Vergleich: Der gesamte Bundeshaushalt hat 2026 ein Volumen von rund 524 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass die Frage nach der Vermögens- und Erbschaftssteuer zur Finanzierung von Haushaltslöchern wieder in Gang gekommen ist. Denn allein mit der Erbschafts- und Schenkungssteuer hat der deutsche Staat im vergangenen Jahr 13 Milliarden Euro eingenommen. Das Spendenaufkommen lag im selben Jahr laut Yougov bei 5,2 Milliarden Euro.
Wachstumsthema im Fundraising
Zahlen, die bei vielen Non-Profit-Organisationen aber noch immer keine Begehrlichkeiten wecken. Dabei gilt das Thema Nachlassfundraising als eines der wenigen Wachstumsthemen im Fundraising, angesichts zurückgehender Zahlen von Spenderinnen und Spendern, die auch immer älter werden. Aber es erfordert auch Investitionen und Strategie. Andreas Schiemenz von „neues stiften“ und Referent an der Fundraising Akademie empfiehlt eine stärkere Fokussierung auf die Gebergruppe Philanthropie. Diese Erbengeneration sollte recht frühzeitig in Kontakt mit gemeinnützigen Akteuren kommen. Viele Organisationen bieten deshalb als niedrigschwelligen Einstieg Seminare für Testamentsgestaltung und Patientenverfügung gemeinsam mit Rechtsexpertinnen und -experten an. Aber auch schon die Thematisierung auf der Website und konkrete Ansprechpartner sind ein Signal für Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, gemeinnützig zu vererben und nach entsprechenden Möglichkeiten suchen.
Das Potenzial unterstreichen auch die von der Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“ und dem Deutschen Fundraising Verband erhobenen Zahlen des Deutschen Spendenmonitors zur Bereitschaft, im Testament eine gemeinnützige Organisation zu bedenken. Fast jeder vierte Deutsche ab einem Alter von 50 Jahren kann sich das heute vorstellen. Bei Kinderlosen ist es sogar mehr als jeder Dritte. Dieser Trend schlägt sich bereits in den Einnahmen der 26 Mitgliedsorganisationen der Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“ nieder. Sie verzeichneten im vergangenen Jahr einen historischen Rekord von 148 Millionen Euro aus Nachlässen – und innerhalb von vier Jahren insgesamt mehr als 570 Millionen Euro.
Warum Menschen ihr Erbe teilen
Gegenüber dem Deutschen Spendenmonitor geben mehr als 34 Prozent der Befragten als wichtigsten Grund für die Berücksichtigung einer gemeinnützigen Organisation an, dass sie das, was ihnen im Leben wichtig war, über den Tod hinaus weitergeben möchten. Hier geht es also um eine emotionale Relevanz von Themen die durch ein Spendenverhalten zu Lebzeiten bereits vorgeprägt sein kann. „Die Frage ‚Was bleibt, wenn ich nicht mehr da bin?‘ bewegt die Menschen heute stärker denn je“, sagt Susanne Anger, Sprecherin der Initiative. „Viele suchen aktiv nach Wegen, ihre Werte an die nächste Generation weiterzugeben – und finden im gemeinnützigen Vererben eine sinnstiftende Antwort.“ Zentrale Motive sind dabei: Bleibendes schaffen, nachhaltig wirken, Spuren hinterlassen. Fast 29 Prozent möchten auch verhindern, dass ihr Geld an den Staat fließt.
Ost und West wachsen zusammen
Ein bemerkenswerter Trend ist auch, dass sich die historische Kluft zwischen westlichen und östlichen Bundesländern schneller schließt als erwartet. Der Unterschied in der Bereitschaft, gemeinnützig zu vererben, beträgt nur noch 2,7 Prozentpunkte insgesamt. Spitzenreiter unter den Bundesländern in der Bereitschaft zum Erbe für den guten Zweck ist Bremen mit 33,4 Prozent, dicht gefolgt vom Flächenland Niedersachsen mit 26,7 Prozent. In Ballungsräumen ist die Offenheit insgesamt am größten – ein Hinweis darauf, dass urbane Lebensstile und zivilgesellschaftliches Engagement sich gegenseitig begünstigen. Interessant ist auch, dass die Bereitschaft bei evangelisch geprägten Menschen mit 22,4 Prozent um 7,7 Prozentpunkte höher liegt als bei Katholiken mit 17 Prozent.
Tierschutz und Klimaschutz dominieren
Besonders attraktiv für die Erben sind besonders zwei Themen: Tierschutz führt die Rangliste der bevorzugten Zwecke mit deutlichem Zuwachs an (von 39,7 auf 43,1 %), gefolgt von Umwelt- und Naturschutz (von 27 auf 31,8 %) sowie Kinder- und Jugendhilfe (von 24 auf 28,3 %). Dass sich der Klimaschutz hier zwischen die beiden zu Lebzeiten beliebtesten Spendenthemen schiebt, ist für Larissa Probst, Geschäftsführerin des Deutschen Fundraising Verbandes „ein klares gesellschaftliches Signal. Den Menschen liegt der Erhalt unseres Planeten und die Zukunft kommender Generationen am Herzen – und sie handeln entsprechend.“
Potenzial für das Gemeinwohl
Die Daten des Spendenmonitors belegen: Das gemeinnützige Testament entwickelt sich zu einem bedeutenden Instrument der Zivilgesellschaft. Es kann allerdings auch noch deutlich ausgebaut werden. Wichtig ist es, an die Erbengeneration den Gedanken heranzutragen, dass ein Testament für den guten Zweck eine wirkungsvolle Option darstellen kann – für sich selbst und für kommende Generationen.
Bildquellen
- Christoph Jünger, Geschäftsführer von UNICEF Österreich und Renate Niklas, Geschäftsführerin der Friedhöfe Wien GmbH stehen neben dem UNICEF Gedenkstein.: UNICEF