Fördermittelstopp bei der Aktion Mensch. Diese Nachricht löste ein kleines Beben in der Fundraising-Szene aus. Wohl auch deshalb, weil es zuerst keine echte Begründung seitens der Soziallotterie dafür gab. Eine nähere Betrachtung zeigt nun: Das Problem ist komplexer als gedacht, und KI-generierte Förderanträge haben auch etwas damit zu tun.
In den letzten fünf Jahren hatte sich Deutschlands größte Soziallotterie bemüht, den Zugang zu den aus Lotterieeinnahmen gespeisten Fördermitteln unbürokratischer, schneller und breiter aufzustellen. So wurden zum Beispiel Fördersätze von 80 auf 90 Prozent erhöht und so die Eigenmittelquote gesenkt. Auch neue Themen, digitale Antragsstellung und Erhöhung von Projektkosten trugen zu einem stetig wachsenden Volumen an Förderanträgen bei. Doch nun der plötzliche Stopp. Anfang September wurde zuerst ein Moratorium verkündet, und nun ist klar: In diesem Jahr werden in vielen Fördergebieten keine weiteren Anträge mehr angenommen.
Enorme Steigerungen bei Förderanträgen
Auf Nachfrage teilte man der Redaktion des ngo-dialogs mit, dass der enorme Förderbedarf Grund dafür ist. Im Jahr 2023 wurden 9.400 Förderanträge bei der Aktion Mensch eingereicht. Ein Jahr später waren es mit etwa 13.000 Förderanträgen bereits deutlich mehr. Bewilligt wurden 2023 insgesamt 8.492 Anträge mit einem Fördervolumen von insgesamt 218,5 Millionen Euro. Für das Jahr 2024 wurden 9.444 Anträge mit einem Fördervolumen von insgesamt 239,2 Millionen Euro bewilligt. Für das laufende Jahr verzeichnet die Aktion Menschen mit Stand 31. August bereits etwa 10.000 Förderanträge.
Zweiter Punkt für den Förderstopp ist die erhöhte Belastung für das Personal. Zwar hat man in den letzten Jahren viel in digitale Prozesse investiert, aber diese Steigerungen stellen die Stiftung vor große Probleme, gerade bei der individuellen Beratung, die aktuell 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen.
Die Aktion Mensch sieht mehrere Gründe für die gestiegene Antragszahl. Ann-Kathrin Jekel vom Kommunikationsteam der Lotterie: „Zum einen gibt es den gesellschaftlichen Bedarf an Projekten, die Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit fördern – sei es im kulturellen Bereich, in der Freizeitgestaltung oder bei baulichen Maßnahmen. Viele Organisationen und Initiativen reagieren auf diesen Bedarf mit kreativen und wirkungsvollen Projektideen, die sie bei uns einreichen. Zum anderen haben die großen gesellschaftlichen Herausforderungen der vergangenen Jahre – etwa die Pandemie, die steigenden Kosten in vielen Lebensbereichen sowie eine allgemein angespannte Wirtschafts- und Finanzierungslage – dazu geführt, dass freie Träger verstärkt auf Fördermittel angewiesen sind. Da unsere Angebote niedrigschwellig und bundesweit zugänglich sind, ist die Aktion Mensch für viele gemeinnützige Akteur*innen eine zentrale und beliebte Förderpartnerin.“
Trend zu KI-Anträgen
Tatsächlich stehen gerade kommunale Mittel auf dem Prüfstand oder sind bereits gestrichen. Auch Landesmittel werden immer weniger. Daher ist es klar, dass viele Organisationen die Soziallotterien als Förderpartner in den Blick nehmen. Aber es gibt noch einen weiteren Trend. Ein guter Förderantrag brauchte bisher Spezialwissen und Erfahrung. Dank Künstlicher Intelligenz, besonders von Sprachmodellen, ist es wesentlich leichter geworden, aussagefähige Anträge zu stellen oder anzupassen. Ein Beispiel ist das KI-Tool Grantperfect, das verspricht, aus einem Projekt beliebig viele Projektskizzen, Förderanträge & Interessensbekundungen zu entwickeln, diese an die Ziele gewünschter Förderprogramme anzupassen und das fast vollständig automatisiert.
Dazu kommen KI-Tools wie der Fördermittelkompass von Reflecta und der DSEE, der bei der Suche von Förderpartnern unterstützen will. Auch bei der Antragsstellung hilft diese KI.
Fördermittelexperten sind bereits alarmiert. So schreibt Mira Pape für das Civic Data Lab, dass KI-generierte Anträge auch ein Boomerang sein können. „Denn ein Antrag ist nicht nur eine bürokratische Textaufgabe, sondern ein Instrument, um Vertrauen aufzubauen.“ Sie kritisiert KI-Texte sogar als ungeeignet, weil ihnen eine echte menschliche Auseinandersetzung mit den Zielen der Förderprogramme fehlt. Sie spricht sogar von falschen und erfundenen Angaben, die ein hohes Risiko bergen. „Denn Fördermittelgeber merken, wenn ein Antrag durchdacht wurde. Und glaubt mir: Die Sachbearbeiter*innen lesen jeden Tag eine Vielzahl von Anträgen. Sie merken auch, wenn jemand keine Gedanken reingesteckt hat. Und ja – sie erkennen mittlerweile auch, wenn ein Text hauptsächlich von KI geschrieben wurde.“
Andere sehen das Thema deutlich positiver, wie Maik Meid in seinem Fachartikel für Fundraising Evangelisch. Aber auch er betont die menschliche Komponente bei der Antragstellung: „Greifen Sie im Zweifel lieber einmal mehr zum Telefon oder nutzen Sie eine E-Mail, um freundlich nachzufragen.“
Das sagt die Aktion Mensch
Der Aktion Mensch ist das Thema natürlich auch nicht verborgen geblieben. Man will sich aber nicht festlegen, ob auch KI-Anträge zur Förderantragslawine führten. Wohlwollend bemerkt man: „In Künstlicher Intelligenz (KI) sehen wir eine Chance, den Zugang zu Fördermitteln für unsere Antragssteller zu demokratisieren. Durch KI sind so beispielsweise Fördermöglichkeiten schneller auffindbar oder die Antragssteller respektive Projektpartner erhalten vielfältige Unterstützung bei der Formulierung und Ausgestaltung von Anträgen sowie der Konzeptionierung, Planung und Verwaltung ihrer Vorhaben.“
Aber auch die Aktion Mensch betont, dass Fördervorhaben partizipativ gestaltet und realistisch in die Praxis zu überführen sein müssen. „Auch deshalb ist ein persönlicher und direkter Austausch – nicht nur zum Zeitpunkt der Antragsanstellung, sondern auch während der Umsetzung – entscheidend.“ Bei Aktion Mensch werden also erstmal weiterhin noch Menschen entscheiden und keine KI. Denn es wird mittlerweile diskutiert, ob die Masse an Anträgen nur noch mittels KI bewältigbar ist. Das könnte dann allerdings auch bessere Entscheidungen nach nachvollziehbaren Kriterien ermöglichen und sogar Förderprogramme entwickeln helfen, die genau auf die Anforderungen der Antragsteller abgestimmt sind. So beschreibt das zumindest die Plattform Evoluce, die sich nach eigener Aussage einer „fundierten Berichterstattung über Künstliche Intelligenz widmet“.
Fakt ist, dass sich aufgrund der äußeren Bedingungen die Antragswelle der gemeinnützigen Organisationen im Jahr 2026 auf keinen Fall abebben wird. Da sind die angekündigten Sparmaßnahmen und Umschichtungen in den öffentlichen Haushalten Richtung Sicherheit und Wirtschaftsförderung sowie die bisher fehlende Berücksichtigung sozialer und kultureller Belange im Investitionssondervermögen. Stiftungen und Soziallotterien werden sich so auf noch mehr Förderanträge einrichten müssen.
Gut informiert in die neue Förderperiode
Die Fundraising-Akademie startet am 3. Dezember 2025 ihre Fortbildung Referent*in Fördermittelmanagement (FA) in Siegburg. Eine Gelegenheit, mit frischem Wissen und Fertigkeiten in die neue Förderperiode bei Aktion Mensch zu starten.
Bildquellen
- Foerderstopp: pixabay - Oleksandr Pidvalnyi